Angst – eine moderne Volkskrankheit? – Wenn Furcht krankhaft wird

Grob geschätzt gibt es in den deutschsprachigen Ländern 17 Millionen1 Menschen mit Angsterkrankungen. Dabei ist die Angst selbst erst einmal etwas ganz Normales, ein Instinkt, bei dem man davon ausgeht, dass er unseren Vorfahren oft das Leben gerettet hat. Sie ist ein angeborenes Grundgefühl, das uns seit jeher vor Gefahr schützt. Daher gilt: Wer Angst hat, ist nicht automatisch feige. Dennoch gibt es auch hier einen Wendepunkt – nämlich dann, wenn Angst zum Leid wird.

Der Reiz der Angst – ein Achterbahnprinzip

Wer in einem gefährlichen Beruf arbeitet, hat nicht automatisch keine Angst. Diese Menschen lassen sich lediglich nicht von dem Gefühl überwältigen. Im Idealfall schärft Angst in bedrohlichen Situationen unsere Sinne und macht uns bereit für schnelle Reaktionen. Durch permanente Gefahr werden Adaptionsmechanismen in Gang gesetzt, die einen leichteren Umgang mit der Situation ermöglichen.

Sogenannten „Adrenalinjunkies“ wissen ihre Angst sogar auf emotionaler Ebene für sich selbst zu nutzen. Angstsymptome lösen stets die Ausschüttung von Stresshormonen und Endorphinen aus – egal ob ein handfester Grund vorliegt oder nicht. Die Endorphine sollen den Körper vor möglichem Schmerz schützen und bleiben auch vorhanden, wenn der Angststress bereits nachlässt. Hat man also eine Angstsituation überstanden, bleibt ein Glücksgefühl im Körper zurück.

Formen der Angst

Das Erleben von Angst erfolgt oft auch entsprechend dem Alter der Betroffenen. Beispielsweise haben Kinder häufig Angst vor imaginären Monstern, während Jugendliche eher soziale Ängste durchstehen müssen und junge Erwachsene anfällig für Panikattacken sind. Ab dem Alter um 30-40 Jahre werden dann meist Angststörungen zum Thema. Ältere Menschen kämpfen häufig nicht mehr mit Angstkrankheiten, sondern fürchten reale Gefahren. Dadurch werden sie übervorsichtig und erschienen ängstlich.

Selbst Extremsportler können ihre Angst nicht einfach ausschalten. Allerdings überwiegt bei ihnen meist die soziale Angst, nicht der Beste zu sein, gegenüber der Angst um das eigene Leben. Dennoch handeln sie nicht verantwortungslos, sondern nutzen ihre Angst um die eigene Konzentration und Aufmerksamkeit zu erhöhen.

Wann wird Angst krankhaft?

Manchmal, in harmlosen Situationen, ist Angst unangebracht. Man unterscheidet dann zwischen realen Ängsten und irrealen Ängsten. Zu den letzteren gehören Phobien, Panikattacken und soziale Ängste. Die meisten dieser Störungen werden durch Erziehung vermittelt oder aber durch traumatische Erfahrungen verursacht und über Generationen weitergegeben. Auch psychische Krankheiten, Medikamente oder Drogen können die Angstgefühle noch verstärken.

Weiterhin ist es psychisch leichter zu verarbeiten, wenn ein Mensch mit konkreten Bedrohungen umgehen muss. Dem entgegen stehen unbestimmte, schwer greifbare Risiken. Macht man sich unaufhörlich Gedanken über vage Themen, wird die Sorge bald zu einem Grundton des Lebensgefühls. Dies wird im Fachjargon als „generalisierte Angst“ bezeichnet. Grundsätzlich gilt, dass Angst in dem Moment krankhaft wird, wenn sie den Alltag beeinträchtigt.

1 Bandelow, B. (2004) Das Angstbuch. Rowohlt Verlag GmbH: Reinbeck bei Hamburg. S.9