Erkenne dich selbst: Selbstbewusstsein, Selbstwertgefühl, Selbstvertrauen entwickeln

Du schaffst das schon. Du musst einfach mal ein bisschen selbstbewusster an die Dinge rangehen.

Was gut gemeint ist, ist nicht immer gut umsetzbar. Und so hören Menschen, die sich als wenig selbstbewusst erweisen oder denen es an Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl mangelt, die ewig gleichen Ratschläge, die ihnen doch nicht wirklich weiterhelfen.

Wie wird man selbstbewusst? Wie erlangt man ein hohes Selbstwertgefühl und entsprechendes Selbstvertrauen? Um dies zu verstehen, ist es zunächst wichtig, die Begriffe voneinander zu unterscheiden. Denn erst eine klare Zuordnung erlaubt es uns, auch über geeignete Maßnahmen nachzudenken, die die Selbstannahme und Selbstliebe eines Menschen steigern können.

Umgangssprachlich verbinden wir mit dem Begriff Selbstbewusstsein eine positive Einstellung zu sich selbst. Selbstbewusste Menschen wissen, was sie wollen und wohin sie gehören und setzen sich für ihre Ziele und Vorstellungen ein. Sie sind grundlegend einverstanden mit sich selbst, weisen also ein hohes Selbstwertgefühl auf. Indem sie sich auch in schwierigen Situationen als handlungsfähig erfahren, bauen sie zudem ausreichend Selbstvertrauen auf, was wiederum positiv auf die Selbstwahrnehmung und das Selbstwertgefühl zurückwirkt.

Selbstbewusstsein resultiert aus Selbstkenntnis

Selbstbewusstsein zu entwickeln – das Bewusstsein seiner selbst – bedeutet aber zunächst einmal nichts anderes, als sich selbst so zu erkennen, wie man ist, mit allen Eigenschaften und Merkmalen, die vorhanden sind und ein Individuum zum Unicum machen. Was sich banal anhört, ist jedoch von einer grundlegenden Schwierigkeit begleitet. Denn alles, was wir sehen, erkennen und definieren, ist bereits durch die Sprache sowie durch gesellschaftliche Normen vorgeformt.

Selbstbewusstsein entsteht daher immer in einem Wechselspiel aus Abgrenzung gegen „den Rest der Welt“ und dem Versuch, seinen Platz darin zu finden. Es handelt sich um einen Prozess, der nie ganz abgeschlossen ist und der in bestimmten kritischen Entwicklungsstadien wie beispielsweise der Pubertät oder dem Klimakterium besonders starken Raum einnimmt.

Selbstwertgefühl als Umweltfaktor

Welches Selbstwertgefühl wir dabei entwickeln, hängt wesentlich davon ab, wie andere uns spiegeln und wie sie unserem Bedürfnis nach Nähe, Vertrauen, Zuspruch, aber auch körperlicher Integrität entgegenkommen.

Begegnen andere uns mit Empathie oder lehnen sie uns ab? Akzeptieren unsere Eltern, Freunde, Nachbarn, Kollegen uns, wie wir sind, oder machen wir aus ihrer Sicht alles falsch? Sind wir hübsch oder hässlich, klug oder dumm, stark oder schwach?

Welches Selbstwertgefühl wir entwickeln, darüber entscheidet wesentlich die Umwelt, in der wir aufwachsen. Lässt sich die Entstehung von Selbstbewusstsein also dem Bereich des kognitiven Erkennens zuschreiben, so ist die Entwicklung unseres Selbstwertgefühls eng damit verknüpft, was wir fühlen und wahrnehmen.

Selbstvertrauen als Selbstwirksamkeit

Selbstvertrauen schließlich entsteht, indem wir uns der Welt zuwenden und uns als handlungsfähig oder wirkmächtig darin erfahren. Damit wir ein gesundes Selbstvertrauen entwickeln können, ist es wichtig, dass wir uns ausprobieren und lernen, wie wir mit Schwierigkeiten oder Problemen umgehen. Wir erwerben Kompetenzen, die uns befähigen, Aufgaben zu lösen und uns den Anforderungen im Alltag und im Beruf zu stellen.

Je besser uns dies gelingt, desto mehr Selbstvertrauen können wir entwickeln. Dazu gehört allerdings auch, dass wir Kritik ertragen und als Chance zur Korrektur nutzen. Denn ohne Kritikkompetenz können wir uns nicht weiterentwickeln.

Generell lässt sich also sagen: Selbstbewusstsein erwächst aus Erkenntnis und gehört daher in den Bereich der Kognition. Unser Selbstwertgefühl resultiert aus der Art und Weise, wie wir uns selbst einordnen zu lernen und ist daher wesentlich von Emotionen geprägt. Selbstvertrauen basiert auf dem Erwerb von Handlungsfähigkeit und der dafür erforderlichen Kompetenz sowie hilfreicher Skills.

Sind alle drei Komponenten im richtigen Maß ausgeprägt, wirken sie positiv aufeinander ein und verstärken einander. Ist dies nicht der Fall, kann dies zu erheblichen Schwierigkeiten führen – bis hin zur Herausbildung psychischer Erkrankungen.

Probleme mit dem Selbst

Tatsächlich gibt es nur wenige Menschen, die nicht zumindest insgeheim Probleme mit einem mangelnden Selbstwertgefühl oder fehlender Selbstliebe haben. Das Selbstbewusstsein wird durch zu viele Einschränkungen von außen an der Selbsterkenntnis gehindert oder es fehlt an Selbstvertrauen, weil man niemals ermutigt wurde, sich auszuprobieren – mit allen Chancen, Kompetenz zu entwickeln, und dem Risiko, zu scheitern.

Darüber hinaus sind mangelnde Selbstliebe, mangelndes Selbstwertgefühl und fehlendes Selbstvertrauen oder Selbstbewusstsein Begleiterscheinungen oder auch Mitursache vieler Probleme und Erkrankungen.

Praktisch jeder Patient, der meine Sprechstunde aufsucht, leidet mehr oder weniger stark unter Problemen in den genannten Bereichen. Ausgelöst oder komplettiert werden diese durch Gefühle von Schuld oder Scham, ein schlechtes Gewissen, Selbstablehnung, bis zum Selbsthass, Selbstsabotage und selbstzerstörerische Tendenzen. Zugrunde liegt das Gefühl, den eigenen Ansprüchen oder denen der Umwelt nicht zu genügen, meist im Verbund mit einem mehr oder weniger ausgeprägten Selbsthass.

Die Behandlung von Störungen im Bereich der Selbstannahme muss daher immer in zwei Richtungen erfolgen. Zum einen muss in der Therapie aufgedeckt werden, welche Störungen dazu führen, dass der Patient sich als Mangelwesen erlebt. Hier spielen in der Regel Ängste, Depressionen oder körperliche Gebrechen eine wesentliche Rolle. Auch Substanzenmissbrauch oder Phobien können die Selbstannahme behindern.

Der Patient erlebt sich aufgrund dessen grundsätzlich als unzulänglich und entwickelt die erwähnten Gefühle von Scham, Schuld oder Ohnmacht. Das Selbstbewusstsein verbindet sich mit diesen negativen Gedanken, das Selbstwertgefühl wird von dunklen Emotionen geflutet und das beständige Ringen um mehr Wirkmacht kratzt am Selbstvertrauen.

Um diesen Zusammenhang herauszuarbeiten, beginne ich die Behandlung von Störungen in der Selbstwahrnehmung oder Selbstkenntnis zumeist mit einer Übung, die den Patienten mit sich selbst konfrontiert. Faszinierenderweise führen diese Übungen dazu, dass die Patienten innerhalb weniger Stunden real erleben, dass sie sich in all ihrer Unzulänglichkeit lieben und annehmen können.

Die Übung beginnt damit, dass der Patient in einen Handspiegel schaut und aufgefordert wird, folgenden Satz auszusprechen: „Ich liebe und akzeptiere mich von ganzem Herzen, mit allen Fehlern und Grenzen“. Dies ist der Moment, in dem eine Mauer einstürzt. Von betroffenem Schweigen und Verwunderung über den Ausbruch in Tränen bis hin zu starken Gefühlen der Wut kann nun alles hervorkommen.

Der Patient spürt seine Selbstablehnung, seine Schuldgefühle, seine Scham und was immer ihn daran hindert, sich selbst bedingungslos zu lieben und anzunehmen. Manche Patienten können sich gar nicht anschauen, andere fangen an zu stottern. Manchen versagt die Stimme oder sie sagen diesen Satz völlig unbeteiligt. Immer aber wissen sie in diesem Moment glasklar, was das eigentliche Problem ist, das sie daran hindert, Selbstbewusstsein, Selbstvertrauen oder Selbstwertgefühl in einem gesunden Maß auszubilden.

Gelingt es dem Patienten, diese Einsicht zuzulassen, ist es möglich, daran zu arbeiten. Handelt es sich um ein Problem mit dem Selbstbewusstsein, liegen die Ursachen oft darin begründet, dass der Patient gelernt hat, dass nur eitle Menschen sich mit sich selbst beschäftigen. Häufig sind dies Menschen, die über eine ausgeprägte Teamfähigkeit verfügen, denen es aber an Entscheidungsstärke und Konfliktkompetenz fehlt, weil sie gelernt haben, die Bedürfnisse anderer über ihre eigenen zu stellen.

Konflikte mit dem Selbstwertgefühl gehen oft damit einher, dass es den Patienten in der Kindheit an Empathie und liebevoller Zuwendung fehlte. Statt Kritikkompetenz zu erwerben, sind sie einer regelrechten Kritiksucht ausgesetzt gewesen, die kein gutes Haar an ihnen ließ. Was immer sie taten, der Würfel oder das Los zeigten nie einen Treffer an, sondern stets eine Niete.

Probleme mit dem Selbstvertrauen schließlich spiegeln, dass es dem Patienten tatsächlich oder vermeintlich an Kompetenz fehlt, sich im Alltag und im Beruf durchzusetzen. Dieses Problem begegnet uns in einer sich rasant wandelnden Arbeitswelt immer öfter. Denn neben fachlichem Wissen und Können müssen heute insbesondere auf der Führungsebene eine Vielzahl an Kompetenzen vorhanden sein, die noch vor einem Jahrzehnt kaum oder nicht in dieser Intensität gefragt waren. Dazu gehören beispielsweise

  • Moderationskompetenz
  • Präsentationskompetenz
  • Konfliktkompetenz
  • Motivierungsvermögen
  • Überzeugungsvermögen
  • Selbstvermarktungsfähigkeit
  • Verhandlungsgeschick
  • Schlagfertigkeit
  • Teamfähigkeit
  • Stressbewältigungsvermögen
  • Zeitmanagement

All dies sind Kompetenzen, auf die wir weder in der Schule noch in der beruflichen Ausbildung vorbereitet werden. Daher wundert es nicht, dass Menschen immer öfter das Gefühl haben, sich in der neuen Arbeitswelt einfach nicht mehr zurechtzufinden, sprich an Handlungskompetenz verloren zu haben. In der Folge entstehen Verlustängste, Depressionen, Burn-out oder auch extreme Selbstzweifel, die allesamt dazu geeignet sind, das Selbstvertrauen in den Keller zu schicken.

Doch schon das Orakel von Delfi wusste: Wer ein Problem lösen möchte, benötigt neben allgemeiner Menschenkenntnis vor allem Selbstkenntnis, muss zuallererst in den Spiegel schauen und sich selbst erkennen. Tatsächlich ist es verblüffend zu sehen, wie rasch Patienten, die diese Übung durchführen, lernen können, sich selbst anzunehmen.

In der einfachen Aussage:

Ich liebe und akzeptiere mich von ganzem Herzen, mit all meinen Fehlern und Begrenzungen

spüren sie – nicht selten zum ersten Mal in ihrem Leben – dass sie sich wirklich lieben können, dass sie sich wirklich annehmen dürfen, ohne zuvor all ihre Fehler und Unzulänglichkeiten ausgemerzt und sich grenzenlos selbst optimiert zu haben.

Damit aber erwerben sie überhaupt die Basis, um an echten Veränderungen arbeiten zu können: Die Erkenntnis, dass niemand perfekt sein muss, um als Unicum vollkommen willkommen zu sein.