Was sind Zwangserkrankungen?

Zwangsstörungen (engl. Obsessive compulsive disorder, OCD) sind psychische Störungen, bei denen sich bei Patienten Gedanken und Handlungen aufdrängen, die als sehr ängstigend oder quälend empfunden werden. Diese Zwangshandlungen müssen ausgeführt werden, auch wenn sie übertrieben sind oder vollkommen sinnlos.

Zwangsstörungen sind durch Zwangsgedanken oder Zwangshandlungen gekennzeichnet. Zwangsgedanken sind quälende, sich ständig wiederholende Gedanken, Vorstellungen oder Impulse, die nicht durch Willenskraft beeinflussbar sind. Sie drehen sich häufig darum, jemandem zu schaden, ein Unheil anzurichten oder selbst in eine peinliche Situation zu kommen. Diese Gedanken sind häufig mit Schuldgefühlen verbunden.

Beispiele für Zwangshandlungen sind Waschzwang, Kontrollzwang oder Ordnungszwang.

Zwangsstörungen sind sehr belastend und zeitaufwendig und schränken das alltägliche Leben erheblich ein. Sie können so stark ausgeprägt sein, dass eine normale Lebensführung unmöglich ist.

Sie verlaufen häufig chronisch und verschlechtern sich oft schubweise in emotionalen Belastungssituationen.

Fast ein Prozent der Bevölkerung leidet unter behandlungsbedürftigen Zwangserkrankungen. Diese werden oft von Ängsten und Depressionen begleitet.

Zwanghafte Persönlichkeitsstörung

Von der Zwangsstörung abzugrenzen ist die zwanghafte Persönlichkeitsstörung (obsessiv-kompulsives Syndrom). Sie ist gekennzeichnet durch Rigidität, ständigem Zweifel, Perfektionismus, übertriebener Gewissenhaftigkeit und Genauigkeit, ständigen Kontrollen, Halsstarrigkeit sowie durch übergroße Vorsicht. Es können Zwangsgedanken oder -impulse auftreten. Diese erreichen aber nicht die Schwere einer Zwangsstörung. Der wesentliche Unterschied zu den Zwangsstörungen ist, dass die Betroffenen keine Zwangshandlungen (wie etwa zwanghaftes Kontrollieren) ausführen.

Diagnose von Zwangserkrankungen

Gemäß ICD-10, Code F42, gelten folgende diagnostische Leitlinien:

1. Die Zwangsgedanken oder zwanghaften Handlungsimpulse müssen vom Patienten als seine eigenen erkannt werden.

2. Mindestens gegen einen Zwangsgedanken oder gegen eine Zwangshandlung muss der Patient noch Widerstand leisten.

3. Der Zwangsgedanke oder die Zwangshandlung dürfen nicht an sich angenehm sein.

4. Die Zwangssymptome müssen sich in unangenehmer Weise wiederholen.

Ursache und Behandlung von Zwangserkrankungen

Zwangserkrankungen gelten häufig als schwer therapierbar. Eine Besserung kann jedoch oft erreicht werden. Eine Behandlung im Frühstadium ist noch am ehesten erfolgsversprechend. Eine vollständige Heilung ist nur selten zu erreichen.

Eine verhaltenstherapeutisch orientierte Theorie geht davon aus, das Zwangsstörungen durch die negative Bewertung und Vermeidung von sich aufdrängenden Gedanken entstehen.

Es wird versucht, die Gedanken zu unterdrücken oder sie durch Handlungen zu „neutralisieren“ (bspw. bei Angst vor Infektion durch Händewaschen). Unterdrückung durch ein bestimmtes Verhalten führt kurzfristig zu einer Erleichterung, wodurch das Verhalten verstärkt wird. Durch das gedankliche Unterdrücken verstärken sich jedoch nicht selten die Gedanken, die vermieden werden sollen.

Der tiefenpsychologisch-psychoanalytische Behandlungsansatz hat in der Praxis nicht die erhofften Ergebnisse erzielt. Im therapeutischen Alltag werden Zwangsstörungen daher in aller Regel mittels Verhaltenstherapie behandelt. Bei der klassischen Verhaltenstherapie von Zwangsstörung wird eine Reizexposition mit Reaktionsverhinderung eingesetzt. Die Kognitive Verhaltenstherapie stellt darüber hinaus die Zwangsgedanken infrage, und arbeitet mit der Technik des Gedankenstopps.

Zur Standardtherapie der Zwangstörung gehört auch eine längerfristige medikamentöse Behandlung. Das Absetzen der Medikamente führt sehr häufig zu einem Rückfall.

Der hypnotherapeutische Ansatz geht davon aus, dass Zwangsgedanken und Zwangshandlungen Bewältigungsmechanismen sind, unangenehme Gefühle zu unterdrücken.

Die Behandlung ist dementsprechend ursachenorientiert. Sie zielt auf das Bewusstmachen und Bearbeiten dieser unbewältigten Emotionen. Dann werden keine Zwangsgedanken oder Zwangshandlungen mehr als (unbewusster) „Ablenkungsmechanismus“ benötigt.

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