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Die Zukunft der Schmerztherapie

Es gibt einige wenige Menschen auf der Welt, die infolge einer Genmanipulation keinen Schmerz fühlen. Als Babys schreien sie nicht, wenn sie geboren werden oder wenn sie nach einigen Wochen die ersten Impfungen erhalten. Als Kleinkinder jammern sie nicht, wenn ihnen die ersten Zähne wachsen, sondern beißen gedankenlos auf Ihren Lippen herum. Als Kinder oder Jugendliche weinen sie nicht, wenn sie ihren ersten Knochenbruch erleiden oder sich irgendwelche Bänder reißen. Und auch wenn diese Menschen erwachsen sind, spüren sie kaum ein Anzeichen dafür, dass sie leicht oder sogar ernsthaft verwundet sind. Was für diese Menschen zu einer durchaus ernsten Gefahr werden kann, ist für die medizinische Forschung ein seltener Glücksfall.

Wie Schmerzen den Körper erziehen

Das Empfinden von physischen Schmerzen ist extrem wichtig für die Entwicklung unseres Körpers und das Zusammenspiel unserer Gelenke und Muskeln. Ohne ein Gefühl dafür, wann wir unseren Körper unsere Knochen, Muskeln und Bänder überstrapazieren, so dass sie streiken, brechen, reißen oder überdehnen, können sich diese nicht wie gewünscht entwickeln. Und dieses Handycap zieht schwerwiegende Folgen nach sich. Menschen ohne Schmerzempfinden haben krumme Rücken, verkürzte Beine, kaputte Gelenke und bis auf den Knochen weggekratzte oder -gerissene Haut. Auch wenn diese Menschen keine Schmerzen fühlen, so können Sie sich nicht richtig bewegen und brauchen ständig andere Menschen, die ihnen helfen. Vor allem Verwandte und Bekannte dienen ihnen als menschliche Schmerzrezeptoren, die sie im Notfall stoppen.

Ein Gen, das die Schmerzen ausschaltet

Einer dieser seltenen Fälle ist der kleine Junge Léonard aus Stockholm. Der Wissenschaftlicher Ingo Kurth aus Jena hat in der Novemberausgabe 2013 der Zeitschrift Nature Genetics beschrieben, wie er in Léonards Erbgut eine bis dahin unbekannte Mutation suchte und fand. Diese winzig kleine Verschiebung befindet sich auf einem Gen namens SCN11A, Chromosom 3, Position 38936427 und kann den Schmerz vollständig ausschalten.

Der südafrikanische Forscher Simon Pimstone stieß mit seinen Kollegen in Vancouver auf ein ähnliches Gen namens SCN9A. Anders als bei herkömmlichen Krankheiten, die die Nerven betreffen, das Schmerzgefühl verringern und schwerste Symptome zur Folge haben, beweisen diese Mutationen, dass Schmerz mit Hilfe eines simplen Mechanismus ohne Nebenwirkungen abgeschaltet werden kann.

Die Zukunft der Schmerztherapie

Das Ziel Pimpstones und seines Teams war die Entwicklung eines Präparates, das den Effekt dieser Mutation nachahmt, also den winzigen Durchgang zu den Schmerzbahnen verschließt. Sollte dies gelingen, wäre das Ergebnis ein vollkommen neues Medikament, das für möglichst viele Menschen geeignet ist.

Schließlich gelang es den Forschern aus über 15 Millionen chemischen Bausteinen das Medikament XEN402 herzustellen. Erst Versuche an Mäusen, Ratten, Schweinen und sogar Menschen zeigten Erfolge. Allerdings dämpfte Pimpstone die Erwartungen mit der Äußerung, dass er mit einem Wirkungsgrad von 50 – 70% rechne. Nach dem Verkauf der Lizenz an einen Pharmakonzern aus Israel wird es wohl noch 2 – 3 Jahre und endlose, großflächige klinische Tests benötigen, bis das Medikament zur Marktreife gelangen wird.