Lange Löffel oder das Geheimnis eines glücklichen Lebens

Wie wir wissen, hängen Glück und Zufriedenheit in unserem Leben nicht nur von äußeren Umständen, sondern auch von uns selbst ab und auch von der Art und Weise, wie wir mit anderen Menschen umgehen. Vor einiger Zeit habe ich eine sehr schöne und lehrreiche jüdische Geschichte gelesen, die diesen Punkt recht anschaulich verdeutlicht. Sie handelte von zwei benachbarten Stämmen. 

Im ersten Stamm waren die Menschen sehr dünn, ausgemergelt, gereizt und unzufrieden, im anderen wohlgenährt, freundlich und zufrieden.

Beide Stämme hatten gleiche Lebensumstände und Lebensweisen, die sich nur in einem kleinen Punkt unterschieden. Beide Stämme aßen mit Löffeln, deren Stiele so lang waren, dass sie nur schwer zum eigenen Mund geführt werden konnten.

©Rainer Sturm/ PIXELIO

Vom Nussbaum zum Vortrag

Die Menschen des ersten Stammes versuchten, mit diesen Löffeln selbst zu essen und wurden kaum satt. Die Menschen des zweiten Stammes füttern sich gegenseitig, so dass jeder genug zu essen bekam.

Als ich vor einiger Zeit mit meinem Sohn von der Schwimmhalle kam, sah ich, wie ein Mann an der Einmündung zu unserer Straße einen Ast an dem dort stehenden Nussbaum schüttelte, um ein paar Walnüsse zu ernten. Er war aber nicht sehr erfolgreich. Ich bat ihn, ein paar Meter weiter mit zu unserem Haus zu kommen. Wir haben im Garten einen Nussbaum, der immer genügend Nüsse abwirft. Deshalb war es ein Leichtes für mich, ein Lächeln auf sein Gesicht zu zaubern.

Obwohl ich ihm wiederholt versicherte, dass er mir nichts schuldig sei, kam er kurze Zeit später mit seinem Fahrrad zurück und brachte ein Glas selbstgemachter Leberwurst. Wir unterhielten uns und er sagte, dass er heute in der Zeitung mit einem riesigen Steinpilz abgebildet war, den er am Wegrand gefunden hatte. Wir kamen auf mein Buch zu sprechen und er erzählte, dass seine Frau beruflich mit Büchern zu tun habe und dass sie auch Vorträge organisiere. Er rief gleich seine Frau mit dem Handy an. Sie war sehr erfreut, einen interessanten Vortrag zu bekommen und ich habe mich gefreut, weil das Universum einmal wieder die Fäden so geknüpft hatte, dass für alle Beteiligten etwas Gutes dabei herauskam.

Es war an diesem Tag das zweite „Fäden-Knüpfen“ des Universums. Am Vormittag hatte mir jemand mit einer netten Geste eine Freude bereitete und es ergab sich „ganz nebenbei“ etwas sehr Positives auch für ihn. Nach diesen beiden Erfahrungen fühlte ich mich fantastisch und hatte das Gefühl, dass heute wieder ein wundervoller Tag war. Unwillkürlich musste ich an die Geschichte mit den langen Löffeln denken. Jeder von uns hatte mit seinem Löffel abgegeben und alle waren satt und zufrieden. Solche Dinge passieren immer wieder, wenn man den langen Löffel so benutzt, wie die Menschen aus dem zweiten Stamm.

Großzügigkeit zahlt sich aus

In den USA wächst eine Kultur unter Unternehmern, 10 Prozent des Umsatzes oder Gewinnes für wohltätige Zwecke zu spenden. Unternehmer, die auf diese Weise ihre langen Löffel benutzen, berichten, dass diese Spende vielfach „aus dem Universum“ zu ihnen zurück kommt, oft aus Richtungen, von denen sie es nicht erwartet hätten.

Kennen Sie das Gefühl, wenn Ihnen jemand etwas Gutes getan hat, dass Sie ihm oder jemand anderes etwas Gutes tun möchten? Führen Sie Ihren langen Löffel überwiegend zum eigenen Mund oder halten Sie ihn so, wie die Menschen des zweiten Stammes?

  • Eine schöne Geschichte! Wenn man was rein gibt, dann kommt was raus …!
    Das Spenden-Beispiel von 10%, wie in den USA, ist leider hier in Deutschland in Unternehmen so nicht. Denn 9 von 10 Unternehmen in Deutschland haben weniger als 10 Mitarbeiter. Als Gewinn vor Steuern bleiben im Schnitt 5,7 Prozent übrig. Wobei der Gewinn in den letzten Jahren leicht gestiegen ist. Das bedeutet: von einem Euro Umsatz -, nach Abzug der Mehrwertsteuer, verbleiben – noch 5,7 Prozent „Brutto-Gewinn“. Der wird am Umsatz gemessen. Und jetzt das Traurige: der Staat (also, er für uns. Ohne unser Einverständnis…) hält die Hand auf und möchte noch die Hälfte von dem Gewinn als Steuern. Und der Staat verbiegt sogar den Löffel, ohne dass wir es merken. Eine gemeine Tücke ist das Geheimnis mit dem kleinen Löffel. Viele Mitarbeiter bekommen keinen größeren Löffel; obwohl sie älter geworden sind und mehr arbeiten. Je mehr sie verdienen, desto mehr Steuern nimmt ihnen der Staat (prozentual) ab. Das Prinzip verrät der Staat den Menschen nicht in Deutschland. Die Holländer haben es besser. Sie bekommen immer größere Löffel. Ihre Portionen werden größer. Weshalb sie auch mehr in die Pflegeversicherung und Altersrente stecken können.
    Vielleicht können wir im öffentlich rechlichen und verschlafenen Michelland etwas lernen, wenn wir in den Garten unserer europäischen Nachbarn schauen. Was sie pflanzen, was sie danach machen und wie gut sie im Alter versorgt sind? Und wenn Sie das jetzt lesen, dann dürfen Sie ruhig lachen!
    Je mehr ich vergleiche, desto mehr erkenne ich, dass es vielen Menschen gut zustehen würde, wenn sie einen größere Löffel, mit langem Stil, verlangen sollten.
    Herzlichen Dank für Ihre erbauenden Beiträge

  • Monika Slawinski sagt:

    Mir hat die Geschichte und der newsletter sehr gefallen, vor allem aber die Beispiele für eine mitmenschliche Vernetzung

    Könnte ich den Titel des jüdischen Märchens bekommen? Ich möchte es gern im Original lesen.
    Freundlichen Gruß
    Monika Slawinski

    • Dr. Norbert Preetz sagt:

      Liebe Frau Slawinski,
      den Namen der Geschichte kann ich Ihnen leider nicht nennen, weil ich nicht mehr weiß, wo ich sie gelesen habe. Es gibt sie auch in unterschiedlichen Versionen. Hier kann Ihnen Google weiterhelfen.
      Herzliche Grüße
      Dr. Preetz

  • Thomas Brian sagt:

    schöne Geschichte, die mit den Löffeln 🙂
    tb