Stottern – Wenn das Wort zum Feind wird

In Deutschland gibt es ca. 80.000 Menschen, die beim Sprechen stottern. Sie wiederholen ungewollt Konsonanten, dehnen Wortanfänge oder blockieren ganze Wortteile. Häufig treten diese auffälligen Sprachstörungen in Verbindung mit Schweißausbrüchen, Verkrampfung von Gesichtszügen und einer übermäßigen Gestik auf, was es für die Betroffenen noch belastender macht.

Erstmalig tritt Stottern meist um das dritte Lebensjahr auf, wenn das Kind anfängt, längere Sätze mit komplizierten Wörtern zu bilden. Während noch jedes 5. Kind zeitweilig stottert, werden drei Viertel der Betroffenen dieses Problem bis zur Pubertät wieder los. Dieses medizinische Phänomen, das man Spontanrückbildung nennt, tritt bei Erwachsenen selten auf und bei Frauen geschieht es häufiger als bei Männern. Generell sind Frauen auch nicht so häufig vom Stottern betroffen. Der Grund dafür ist, dass die Veranlagung zum gestörten Redefluss teilweise mit anderen Genen gekoppelt ist.

Markante Veränderungen im Gehirn

Auch wenn hauptsächlich psychische Faktoren als Ursache für das Stottern verantwortlich gemacht werden, haben mehrere Forschergruppen Hirnveränderungen beim Stottern untersucht. Diese Gruppen sind zu dem Ergebnis gekommen, dass Stottern auf Veränderungen im Gehirn der betroffenen Personen zurückzuführen ist.

Sie fanden heraus, dass in der linken vorderen Hirnhälfte, dort, wo normalerweise die Sprachzentren des Gehirns liegen, die Nervenverbindungen zwischen den Sprechmotorikgebieten schwächer ausgeprägt sind als im „normalen“ Gehirn.

Während die graue Substanz in den linksseitigen Hirngebieten vermindert ist, sind dafür in der rechten Hälfte Regionen stärker ausgeprägt. Auch abnorm geformte Hirnwindungen wurden gefunden. Außerdem entdeckten die Forscher, dass das Planum temporale, ein wichtiges Sprachzentrum, bei stotternden Menschen in der linken und rechten Gehirnhälfte nicht asymmetrisch ist, wie das bei normalsprechenden Personen der Fall ist.

Veränderte Funktionsweise

Durch das bildgebende Verfahren die funktionelle Magnetresonanztomografie (fMRT), mit dem das Gehirn von Stotterern untersucht worden ist, wurde erkannt, dass Gehirne von stotternden Menschen auch anders funktionieren. Beim Sprechvorgang wird die linke vordere Hirnseite im Gegensatz zur rechten Hirnseite nur wenig gefordert. Auf der rechten Seite wird ein Bereich besonders beansprucht, der von Forschern rechter orbitofrontaler Kortex genannt wird. Diese Region ist umso stärker beteiligt, je schwächer jemand stottert.

Im Gegensatz zum normalsprechenden Menschen, der erst das Sprechplanungszentrum aktiviert und dann die für die Ansteuerung der Sprechmuskeln zuständige Region, verhält es sich bei stotternden Menschen genau umgekehrt. Das oft hervorgebrachte Argument, dass die Veränderungen im Gehirn eine Folge und nicht der Auslösers des Stotterns seien, konnte anhand der Zwillingsforschung widerlegt werden. Aus dieser geht hervor, dass die Veränderungen im Gehirn zu 70% weitergegeben werden.

Neue Behandlungsmethoden bei Sprachstörungen

Um zu verstehen, wie man vom Stottern betroffenen Menschen dauerhaft helfen kann, wird zurzeit daran geforscht, welche Prozesse in den Gehirnen von Menschen ablaufen, deren Sprechstörungen sich gebessert haben oder vollkommen verschwunden sind.

Hierfür wurden Betroffene untersucht, die an einer Fluency-Shaping-Therapie teilgenommen haben. Auf der Tatsache basierend, dass Stotterer beim Singen nicht stottern, werden in der Therapie neue Sprechmuster erlernt. Mit Hilfe weicher Stimmeinsätze, Silbendehnungen und Atemtechnik wird ein äußerer Takt vorgegeben, der langsam zu einem inneren Taktgeber werden soll.

Bei drei Vierteln der Patienten sind nach der Therapie in der unmittelbaren Umgebung des aufgetretenen Problems in der linken Gehirnhälfte deutlich mehr Regionen aktiviert.

Bei Erwachsenen, die spontan aufgehört haben zu stottern, wurde im linken unteren Stirnhirn eine Region aktiviert, die dem Kompensationszentrum im rechten Stirnhirn genau gegenüber liegt. Ohne dass das eigentliche Problem behoben wurde, ist somit ein neues Sprachnetzwerk in der rechten Hälfte des Gehirns entstanden.

Weil beim Stottern neben organischen auch psychologische Ursachen eine Rolle spielen, ist es sinnvoll, auch psychische Belastung wie Versagungsängste, vermindertes Selbstbewußtsein und auch unverarbeitete Belastungserlebnisse zu behandeln, welche in den betreffenden Situationen das Stottern auslösen bzw. verstärken können.