Warum wirken Heilmethoden nicht? – Die wichtigsten Saboteure des Therapieerfolges

Jeder Arzt und Therapeuten wird mit der Erfahrung konfrontiert, dass bei manchen Patienten zuverlässig wirkende Behandlungsmethoden nicht die zu erwartenden Früchte tragen. Dies betrifft nicht nur die Angstbehandlung, sondern die Behandlung aller psychischen und körperlichen Beschwerden und Erkrankungen. Dafür kann verschiedene Ursachen geben. Dies sind die wichtigsten, die einzelnen oder auch in Verbindung miteinander auftreten können:

  • Chronifizierung
  • Sekundärer Krankheitsgewinn
  • Aufrechterhaltende Lebensumstände

CHRONIFIZIERUNG

Wenn ein Mensch über viele Jahre mit einer chronischen Erkrankung gelebt hat, richtet er sein Leben darauf ein. Er empfindet die Krankheit immer mehr als zu sich gehörig. Der Zustand der Angstfreiheit wird ihm immer fremder und der der Gesundheit immer weniger vertraut. Für manche Menschen ist die Krankheit auch zum einzigen Lebensinhalt geworden und Denken, Fühlen und Handeln drehen sich nur noch um das Kranksein. Wir alle haben schon Menschen kennen gelernt, die über nichts anderes reden als über ihre Kranhkeit. Das kann so weit gehen, dass die Krankheit zur Identität und zum Lebensinhalt dieser Menschen wird. Auch wenn sie bewusst gesund werden wollen, unbewusst haben diese Patienten Angst, die eigene Identität zu verlieren und halten die Krankheit fest. Die Angst wird sozusagen durch eine gewachsene und verfestigte innere psychische Struktur aufrechterhalten.

SEKUNDÄRER KRANKHEITSGEWINN

Bei manchen Patienten ist man sich als Therapeut auf Grund seiner Erfahrung ziemlich sicher, alle wichtigen Ursachen der Angst behandelt zu haben und auch aufrechterhaltende Lebensumstände (s. u.) können mit einiger Sicherheit ausgeschlossen werden. Dennoch bleiben die Ängste (oder auch andere psychische und körperliche Erkrankungen) unverändert bestehen bzw. sie kehren nach anfänglichen Erfolgen immer wieder zurück. Die Ursache dafür kann in einem sekundären Krankheitsgewinn bestehen. Der sekundäre Gewinn, der mit der Krankheit verbunden ist, ist stärker als das Leiden, das aus der Erkrankung resultiert.

Hier ein Beispiel: Frau S. litt an einer starken Klaustrophobie und war über viele Jahre nicht in der Lage, die Wohnung ohne Begleitung zu verlassen. Nach Behandlung der Ursachen trat der zu erwartende Therapieerfolg nicht ein. Es stellte sich heraus, dass die Angst der Patienten ihre einzige Möglichkeit war, einen intensiven Kontakt zu ihren Kindern aufrechtzuerhalten. Diese hatten selbst Familien und waren beruflich stark eingespannt. Sie besuchten ihre Mutter nur deshalb so oft, weil sie ohne Hilfe nicht in der Lage  war, sich selbst zu versorgen, da sie die Wohnung nicht einmal zum Einkauf verlassen konnte. Der Gewinn bzw. der Nutzen, den diese Patientin aus ihrer Krankheit zog war größer als die Einschränkungen, die diese Angst mit sich brachte.

Häufig ist der sekundäre Krankheitsgewinn dem Patienten nicht bewusst, zum Beispiel wenn er in Form von Zuwendung durch die Behandelnden Ärzte und Schwestern besteht. Bisweilen sagen die Patienten, wenn ihnen bewusst wird, welcher Gewinn sie zur Überwindung der Krankheit aufgeben müssten: „Dann behalte ich lieber meine Krankheit“.

KRANKHEITSERHALTENDE LEBENSUMSTÄNDE

Der Erfolg einer psychologischen Behandlung hängt nicht allein von der Bereitschaft des Patienten zur Veränderung ab und davon, dass die richtigen therapeutischen Methoden angewendet werden. Häufig ist es auch erforderlich, Veränderungen im realen Leben einzuleiten und Lebensumstände zu verändern, die zur Entstehung und Aufrechterhaltung der Krankung beigetragen haben. So könnte es zum Beispiel notwendig sein, dass eine Patientin aus dem Haus der Eltern oder der Schwiegereltern auszieht, um sich aus einer destruktiven Beziehung zu lösen oder aber auch den Arbeitsplatz zu wechseln, um krank machende Arbeitsbedingungen zu beenden. Für einen selbst aufopfernden Menschen könnte es wichtig sein, mehr für sich selbst zu tun, um wieder in ein inneres Gleichgewicht zu finden.

Nun kann es aber sein, dass es aus äußeren Gründen nicht möglich ist, die erforderlichen Veränderungen umzusetzen. Der Wechsel des Arbeitsplatzes könnt aus Gründen der wirtschaftlichen Situation oder der Qualifikation des Patienten schwierig sein. Der Auszug aus dem Haus der Eltern könnte an einer finanziellen Abhängigkeit scheitern oder auch daran, dass die Patienten ihre kranke Mutter nicht verlassen will, die auf ihre Hilfe angewiesen ist.