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Die Angst zu Versagen - Wenn Musiker die Bühne nicht mehr betreten können

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April 10, 2015
Christian Endres

Die Angst zu Versagen – Wenn Musiker die Bühne nicht mehr betreten können

Viele Musiker klagen über starkes Lampenfieber, durch das sie kaum in der Lage sind, ihre Instrumente zu bedienen. Fast 60 % aller Musiker leiden unter Aufführungsängsten, wie eine Studie gezeigt hat.1 Aber Aufgeben oder Versagen wird von der Musik-Welt nicht geduldet. Um dennoch dem Druck der Anforderungen gerecht zu werden, versuchen Musiker alles, um über sich hinaus zu wachsen.

Angst vor der Angst

Lampenfieber bedeutet, Angst vor einer schlechten Beurteilung zu haben. Eine Beurteilung, welche unser Selbstwertgefühl stark vermindern kann. Gerade im klassischen Bereich werden Virtuosen mit einem höheren Niveau konfrontiert, als noch zu Zeiten Tschaikowskys. Schon bei Erstsemestern treten daher Beurteilungsängste auf, weil sie sich unter tausenden von Bewerbern profilieren müssen. Leider herrscht über diese Thema in der Musik-Welt Schweigen, da keiner zugeben will, dass viele Musiker unter so enormen Druck stehen, wie sonst nur Personen der Öffentlichkeit. Helmut Möller versucht, Licht in diese Dunkelheit zu bringen und in Zusammenarbeit mit dem Kurt-Singer Institut für Musikergesundheit allgemeine Aufmerksamkeit auf die Aufführungsängste vieler Musiker zu lenken.

Wenn der Körper den Dienst einstellt

Es kann mit leichten Symptomen beginnen wie Schwitzen, Herzrasen oder Kurzatmigkeit und Übelkeit. Doch irgendwann kommen Ohrensausen, Panikattacken und andere psychische Beeinträchtigungen hinzu. Dabei können sich manche Symptome je nach Instrument äußern. Blasmusiker bekommen zum Beispiel einen trockenen Mund, während sich bei Violinisten und Pianisten die Finger verkrampfen. Möller sagt, dass sich bei vielen Betroffenen die Ängste soweit steigern, bis sie eine Bedrohung für die Karriere darstellen.
Um gegen ihre Ängste zu kämpfen, lassen sich viele Musiker auf Drogen wie THC und Alkohol ein. Andere greifen auf Betablocker zurück, um die Adrenalinausschüttung zu stoppen und die Lampenfiebersymptome zu unterdrücken. Dies ist allerdings kein Ausweg, da man sich zu schnell auf die Tabletten verlässt und nicht mehr sich selber vertraut.

Die Angst an der Wurzel bekämpfen

Möller spricht sich daher dafür aus, dass den angehenden Musikern schon im Studium ein Bewusstsein dafür gegeben werden muss, welche psychischen sowie physischen Herausforderungen auf sie zukommen können. Er setzt hierfür auf Entspannungsmethoden und mentales Training. Diese „Unterrichtsformen“ werden allerdings nicht von allen Menschen positiv aufgenommen. Viele Professoren halten nämlich immer noch an der Überzeugung fest, dass allein das fehlerfreie Spielen für einen Musiker von Bedeutung ist. Wenn das funktioniert, ergibt sich alles andere ohne Probleme. Doch dass sich Depressionen bei Auftritts- und Beurteilungsängsten oft als Begleiterscheinungen einstellen, will niemand sehen.
Wenn dann erst die Leistung aufgrund verschiedener Lampenfiebersymptome nachlässt, kommt schnell auch die Angst hinzu, nicht mehr den Anforderungen des Publikums zu entsprechen und zu versagen.

Daher ist es wichtig, die Musiker zu unterstützen, damit sie ein Leben ohne Angst führen können. Ein Leben, in dem die Musik immer Spaß macht und nicht zur Qual wird.

 

1 http://www.dr-helmut-moeller.de/Dateien/DGfMM_2013-2%20Auffuehrungsangst.pdf S.68-73 (Stand: 10.04.15)
http://www.dr-helmut-moeller.de/veroeffentlichungen.html

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