Ein Trauma kann an die Enkel vererbt werden

Darüber, dass frühkindliche Traumata Veränderungen des Erbgutes hervorrufen können, die lebenslange Stresserkrankungen zur Folge haben, berichteten wir bereits in einem vergangenem Beitrag (Ein Trauma hinterlässt bei manchen Opfern Spuren im Erbgut). Nun haben Forscher Entdeckungen gemacht, die weit über die ursprünglichen Vermutungen hinausreichen: Nicht nur die frühe Kindheit entscheidet darüber, wie gesund und glücklich ein Mensch durchs Leben gehen kann, sondern scheinbar auch die Geschichte seiner Vorfahren.

Großeltern lernen für ihre Enkel

Zumindest bei Mäusen konnte festgestellt werden, dass bestimmte Konditionierungen der Großeltern noch im Nervensystem der Enkel zu finden sind. Forscher der Universität Emory in Atlanta hatten Mäuse wiederholt Elektoschocks ausgesetzt, sobald diese Acetophenon gerochen haben. Bald darauf zuckten die Mäuse bereits, wenn Sie nur den Geruch des Gases wahrgenommen hatten. Das Erstaunliche daran: dieses Veralten zeigten auch die Nachkommen, obwohl diese weder Acetophenon oder Elektroschocks ausgesetzt worden waren. Die Nachfahren der konditionierten Mäuse, zuckten beim Geruch von Acetophenon deutlich stärker zusammen, als die, deren Vorfahren nicht den Elektroschocks ausgesetzt waren. Selbst für die Enkel konnten diese Beobachtungen gemacht werden.

“Die Tatsache, dass diese Veränderungen auch bei in-vitro Befruchtung, Überkreuz-Aufzucht und über zwei Generationen bestehen bleiben, deutet auf eine biologische Herkunft hin”, schreiben Brian Dias und Kerry Ressler.

Stress verändert das Erbgut

Forscher des Max-Planck Instituts haben nachgewiesen, dass extremer Stress und somit hohe Konzentrationen an Stresshormonen eine sogenannte epigenetische Veränderung bewirken: eine dauerhafte Veränderung der DNA. Diese veränderte Genaktivität kann nicht nur Auswirkungen auf die Psyche haben. In einer Studie aus den Niederlanden wurden Nachkommen der Generation des Hungerwinters 1944 untersucht. Die Wissenschaftler fanden heraus, dass die Erfahrungen der Vorfahren den Stoffwechsel der Nachkommen beeinflussten: Die Kinder des Hungerwinters litten noch 50 Jahre später doppelt so häufig an Herzkreislauf-Erkrankungen. Die Genspur wirkte sich scheinbar auch auf die Enkel-Generation aus, die häufiger untergewichtige Babys zur Welt brachte, die wiederum ein höheres Erkrankungsrisiko hatten.

Die Forscher vermuten, dass hier derselbe Genmechanismus aktiviert wird, der auch die Mäuse beim Geruch von Acetophenon zusammenzucken ließ. Andere Ursachen, bspw. ähnliche Umweltfaktoren in der Nachkommengeneration, konnten die Forscher weitestgehend ausschließen. Über die genauen Vorgänge ist aber bisher wenig bekannt. Es könnte also sein, dass bei der Behandlung von psychischen Störungen bald nicht nur in die Biographie des Patienten, sondern auch in die seiner Ahnen geschaut werden muss.