Erinnerungen verblassen und werden vergessen, Emotionen aber nicht – Warum Angst oft so irrational erscheint

Was passiert eigentlich mit Gefühlen, wenn die Erinnerung an das Ereignis verschwunden ist, welche die Gefühle verursacht hat? Die weit verbreitete Annahme besteht darin, dass Erinnerungen und Emotionen untrennbar miteinander verbunden sind. Ist das tatsächlich der Fall?

Die Erinnerung verblasst, die Angst bleibt

Kennen Sie das, Sie laufen irgendwo entlang und plötzlich löst ein Geräusch, ein Anblick oder irgendetwas anderes starke Gefühle, wie beispielsweise Traurigkeit oder Angst, bei Ihnen aus? Manchmal kommt die Angst auch wie aus heiterem Himmel. Irgendetwas war der Auslöser, Sie wissen aber nicht was. So etwas passiert zehntausenden Menschen jeden Tag, ohne dass sie dafür eine Erklärung haben.

Hypnosetherapeuten wissen, dass jede noch so sinnlos erscheinende Angst eine Ursache und einen Auslöser hat. Sie besteht häufig in einem unverarbeiteten Erlebnis oder auch einfach nur einem Schreck oder Schock, der längst vergessen wurde und durch einen Auslöser wachgerufen wird.

Bei einer Frau, die ihr Leben lang panische Angst vor Tauben hatte, und in zunehmendem Maße auch Angst vor allen anderen Vögeln entwickelte, stellte sich heraus, dass sie als noch nicht einmal einjähriges Kind im Kinderwagen von einer Taube angeflogen wurde, die sich für einen kurzen Augenblick auf ihrem Gesicht niederließ. Angst und Panik, die das Kind damals in dieser Situation erlebte, wurden mit dem Auslöser “Taube” fest verknüpft (konditioniert) und fortan immer wieder beim Anblick von Tauben und später auch von anderen Vögeln wachgerufen. Unbehandelt hat die Angst die Tendenz, sich auf immer mehr Situationen und Objekte auszuweiten.

Gefühle brennen sich tief in das Gehirn ein und wirken weiter, auch wenn das auslösende Ereignis vergessen wurde. Was für Hypnosetherapeuten eine alltägliche Erfahrung ist, wurde nun auch in einer wissenschaftlichen Studie untersucht und bestätigt. Die Kernaussage dieser Studie lautet: Erinnerungen verblassen und werden vergessen, die Emotionen aber nicht. Dieser Sachverhalt trifft selbst bei schweren Verletzungen des Gehirns zu.

US-amerikanische Forscher führten eine Studie mit Probanden durch, deren Hippocampus verletzt war. Diese Gehirnregion ist verantwortlich für das Abspeichern von neuen Erfahrungen. Dementsprechend litten diese Patienten unter schwerem Gedächtnisverlust und vergaßen neue Erlebnisse gleich wieder. Die Forscher zeigten ihnen einen kurzen Film, mit entweder einer lustigen oder traurigen Grundstimmung. Fünf bis zehn Minuten danach wurden die Versuchspersonen über Details befragt. Erwartungsgemäß konnten sie sich kaum noch an den Film erinnern. Vier von fünf Patienten konnten sich maximal fünf Details vergegenwärtigen. Personen aus der Kontrollgruppe mit unbeschädigtem Gehirn erinnerten sich im Schnitt an 30 Details.

Bei einer sich anschließenden Befragung zeigte sich aber, dass die Emotionen, die die hirngeschädigten Probanden während des Films erlebt hatten, immer noch vorhanden waren. Was bedeutet das nun für die Behandlung von Angststörungen?

Nun, wenn man die Ursache kennt, ist es oft sehr viel leichter, sich von einer Angst zu lösen. Das Problem besteht in der Praxis jedoch meist darin, dass die Ursache nicht bekannt ist. Das Bewusstmachen der Ursache ist nicht in jedem Fall erforderlich, erleichtert die Behandlung aber oft erheblich.

Justin Feinstein (University of Iowa, Iowa City) et al.: PNAS doi/10.1073/pnas.0914054107

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