Hinter ADHS-Symptomen kann chronischer Schlafmangel stecken – Ärzte warnen vor Fehldiagnose

Ihr Kind ist nicht zu beruhigen, aufbrausend, unkonzentriert und zappelig? Die erste Vermutung lieg oft nahe: ADHS. Im folgenden Artikel lesen Sie, wieso diese oft gestellte Diagnose manchmal nicht unbedingt und bedingungslos richtig sein muss – und warum eine gut durchschlafene Nacht die Symptome vielleicht lindern könnte.

ADHS und Schlafstörungen

Dass es Kinder gibt, die an der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) leiden, steht außer Frage. Doch eine kürzlich durchgeführte, dänische Übersichtsstudie¹ zeigt: ADHS und Schlafstörungen liegen näher beieinander, als ursprünglich gedacht. Mehr noch, manchmal wird fälschlicherweise die Diagnose ADHS gestellt, obwohl die eigentliche Ursache der Symptome eine chronische Schlafstörung ist. Dies zu unterscheiden ist oft nicht ganz einfach.

Die Symptome von ADHS und vielen Schlafstörungen sind bei Kindern ziemlich ähnlich. Während Erwachsene bei Schlafmangel tagsüber ihre Müdigkeit spüren, werden Kinder meist motorisch aktiv. Sieben- bis Achtjährige, die weniger als 7,7 Stunden pro Nacht² schlafen, legen nachweislich ein deutlich aktiveres und impulsiveres Verhalten an den Tag, als andere Kinder ihrer Altersklasse. Sie werden hyperaktiv oder schwelgen geistesabwesend in ihrer Traumwelt – an Konzentration ist nicht zu denken.

Häufige körperliche Gründe für Schlafstörungen bei Kindern

Sowohl schlechter als auch zu wenig Schlaf können Auslöser für ADHS-ähnliche Symptome sein. Der häufigste Anlass¹ ist eine nächtliche Atemstörung. Diese macht sich beispielsweise durch Schnarchen bemerkbar. Grund können vergrößerte Rachen- oder Gaumenmandeln (Polypen) oder Kieferprobleme sein. Bekommen die Kinder nicht ausreichend Luft, wachen sie nachts mehrmals auf und können sich daher nicht ausreichend erholen. Im Fachjargon spricht man von einer „Schlafapnoe“.

Eine weitere Art der Atemstörung, die die beschriebenen Symptome hervorrufen kann, ist das Upper Airway Resistance Syndrome (UARS). Hierbei setzt der Atem zwar nicht vollständig aus, aber die Atemwege verengen sich in der Nacht, sodass es für das Kind immer schwerer wird, Luft in die Lunge zu bekommen. Lassen Sie die genannten Atemstörungen unbedingt prüfen, bevor Sie Ihrem Kind auf die Diagnose ADHS hin Ritalin verabreichen.

Häufige psychische Gründe für Schlafstörungen bei Kindern

Auch psychische Gründe wie Schlafwandeln oder Albträume können Auslöser für ADHS-ähnliche Symptome sein. Findet Ihr Kind nachts keine Ruhe, kann dies häufig an Stress in der Familie oder in der Schule liegen. Auch mangelnde Schlafhygiene führt zu unruhigen Nächten. Achten Sie daher unbedingt auf einen festgelegten Schlaf-Wach-Rhythmus und sorgen Sie dafür, dass Ihr Kind vor dem Zubettgehen ohne Bildschirmmedien zur Ruhe kommt. Überschätzen Sie zudem nicht die Schlafdauer Ihres Kindes – die Zubettgehzeit ist nicht automatisch die Einschlafzeit. Oft wird beispielsweise im Bett noch heimlich gelesen. Entspannungsmethoden und insbesondere die Selbsthypnose können helfen, die Schlafqualität nachhaltig zu verbessern.

1 Hvolby, A. (2014). Associations of sleep disturbance with ADHD: implications for treatment. Springerlink.com. DOI 10.1007/s12402-014-0151-0

2 Paavonen, E. J. et al.: Short Sleep Duration and Behavioral Symptoms of Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder in Healthy 7- to 8-Year-Old Children. In: Pediatrics 123(5), S. e857-e864, 2009. Abgerufen von: http://pediatrics.aappublications.org/content/123/5/e857.full.pdf+html