Multiple Sklerose, Alzheimer und Autismus – Bindeglied zwischen Gehirn und Immunsystem ermöglicht neue Erkenntnisse

Eine einzige Entdeckung stellt jahrzehntelange Lehrbuchwissenschaft auf den Kopf: Forscher der Virginia School of Medicine haben nach eigenen Angaben herausgefunden, dass das Gehirn direkt mit dem Immunsystem verbunden ist.1,2 Ein solcher Kontakt war in der Medizin bisher nicht bekannt und wird in Fachkreisen als Sensation deklariert. Aber was bedeutet es, wenn die Wissenschaftler tatsächlich Recht haben? Lesen Sie hier, wieso dieser Fund von so essenzieller Bedeutung ist.

Unbekannte Strukturen im menschlichen Körper aufgedeckt

Um die Tragweite der Entdeckung zu verstehen, müssen Sie wissen, dass das körpereigene Abwehrsystem aus verschiedenen Komponenten besteht3. Ein wichtiger Bestandteil ist das Lymphsystem. Es ist kein eigenes Organ, sondern durchzieht als Netzwerk aus lymphatischen Organen und Lymphgefäßen den gesamten Körper. Die Strukturen verlaufen entlang der Blutgefäße und transportieren die Lymphflüssigkeit in Richtung Herz. Auf diese Weise werden auch Lymphozyten weitergeleitet, eine spezielle Art von weißen Blutkörperchen, mit wichtigen Aufgaben der Immunabwehr.

Bisher ging man davon aus, dass das Lymphsystem komplett untersucht und abgebildet wurde. Doch offensichtlich lag man damit falsch. Das beweist das Forschungsteam aus Virginia durch die Entdeckung unbekannter Lymphgefäße, die das Gehirn direkt mit dem Immunsystem verbinden. Die Wissenschaftler betonen, dass die Gefäße sehr versteckt liegen und nur dann zu sehen seien, wenn man wisse, dass sie da sind.

Esoterisches wird plötzlich handfest

Durch die Präsenz der genannten Verbindung ändert sich die Wahrnehmung der Wechselwirkung zwischen Nerven- und Immunsystem . Zuvor wurde die Beziehung als etwas Esoterisches angesehen. Doch durch den Fund der bindenden Strukturen ist es nun möglich, greifbare mechanistische Fragen zu stellen.

Beispielsweise war bisher unklar, warum Patienten mit Multipler Sklerose Immunangriffe im Gehirn haben. Dies wäre nun dadurch zu erklären, dass das Gehirn wie jedes andere Gewebe auch durch Lymphgefäße in der Hirnhaut mit dem peripheren Immunsystem verbunden ist. Die Forscher der Virginia School of Medicine glauben, dass die Gefäße bei jeder neurologischen Krankheit, die eine Immun-Komponente hat, eine ausschlaggebende Rolle spielen könnte. Jedenfalls wäre es schwer vorstellbar, dass sie nicht beteiligt sein sollten.

Behandlungsansätze für Alzheimer, Autismus und Multiple Sklerose neu überdenken

Die wahre Signifikanz des Fundes liegt letztendlich in den Auswirkungen, die er auf die Untersuchung der Arbeitsweise des Gehirns haben könnte. Auch neurologische Krankheiten wie Alzheimer, Autismus oder Multipler Sklerose müssten im Lichte von etwas, dessen Existenz die Wissenschaft bisher negierte, neu betrachtet werden.

Ein Beispiel hierfür stellt Alzheimer dar. Bei dieser Krankheit sammeln sich große Mengen an Proteinklumpen im Gehirn, die von den Gefäßen nicht effektiv abgebaut werden. Laut der Forscher könnte es daran liegen, dass die Gefäße sich mit dem Alter verändern und das Protein nicht mehr wirksam abtransportieren. Die Gefäße selbst sehen mit den Jahren außerdem unterschiedlich aus. Daher ist auch die Rolle, sie die im Alterungsprozess spielen, ein neues Feld, das es zu ergründen gilt.

 

1 Medicalxpress, (June 1, 2015). Missing link found between brain, immune system. Abgerufen von http://medicalxpress.com/news/2015-06-link-brain-immune.html , 08.06.2015

2 Louveau, A., Smirnov, I., Keyes, T.J., Eccles, J.D., Rouhani, S.J., Peske, J.D., Derecki, N.C., Castle, D., Mandell, J.W., Lee, K.S., Harris, T.H., & Kinpnis, J., (June 1, 2015). Structural and functional features of central nervous system lympathic vessels. Abgerufen von http://www.nature.com/nature/journal/vaop/ncurrent/full/nature14432.html , 08.06.2015

3 Apotheken-Umschau, (2010). Lymphsystem: Herzstück der Immunabwehr. Abgerufen von http://www.apotheken-umschau.de/Lymphsystem , 08.06.2015